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Pastor Hermann Albert Hesse
und der Verein für Diakonissen-Krankenpflege

von Eiwin Scholl

 

Wenig bekannt ist im heutigen Emden dieser 136 Jahre alte eng an die Reformierte Gemeinde angelehnte Verein, weitaus eher das von ihm 90 Jahre lang betriebene Altenheim Bethanien am Philoso­phenweg. Ursprünglich aber führte der Verein die ambulante Kranken- und Armenpflege, bis diese als Schwesternstation der Gemeinde 1936 in die Verantwortung des Kirchenrates bzw. der Diakonie übergeben wurde Hauptmotor dieses Unternehmens war von Anfang an, bis zu seinem Tode 1904, Pastor H.A. Hesse.

Hermann Albert Hesse, geboren am 6.6.1815, entstammte der weit­verzweigten Hesse‑Sippe in Weener. Seine Vorfahren betrieben in mindestens sechs Generationen den Pferdehandel in großem Stil. Sein jugendlicher Wunsch, diese Tradition fortzusetzen, fand aber beim Vater keine Gegenliebe, und er selbst gab die kaufmännische Ausbildung im väterlichen Betrieb nach wenigen Monaten auf.

Seine Schulzeit beendete er erst mit fast 21 Jahren; nach Unterricht bei vielen Privatlehrern wurde er zuerst nach Lingen, dann nach Aurich auf das Gymnasium gesandt. Aber erst "das solidere Emden unter Direktor Brandt" sagte dem Vater wirklich zu, dort verbrachte Hesse das letzte halbe Schuljahr. Zum Theologiestudium ging er nicht' wie es bisher für reformierte Studenten die Regel war, nach Holland, sondern nach Berlin und Bonn. Erst das Abschluß­semester verbrachte er in Utrecht, um dann in Emden 1841 vor dem Coetus das 1.Examen (in lateinischer und holländischer Sprache) abzulegen.

Nach seiner Wahl zum Pastoren der Gemeinde Jemgum wurde Hesse 1844 ordiniert und heiratete ein Jahr später seine Frau Rewenda Margaretha, genannt Meta. Während seine Eltern fünfzehn Kinder hatten, von denen zehn die Kindheit überlebten, blieb die eigene Ehe kinderlos. In Jemgum beteiligte sich Pastor Hesse am Enthalt­samkeitsverein, seine Frau gründete einen Frauenkreis, und beide wirkten eifrig für die Heiden‑ und Judenmission.

In vielem bemerkt man bei Hermann Albert Hesse deutlich die starke Prägung durch seinen Vater. So hatte Johann Henrich Mescher Hesse die Wiederherstellung des Presbyteriums in Weener betrieben und war selbst lange Jahre Kirchenältester. Der Sohn rechnet sich zu Recht Verdienste um die Bildung der Evangelisch-reformierten Kirche und deren presbyterial‑synodalen Verfassung zu. 1857 schon gehörte er zu den vier Verfassern einer Denkschrift zur Bildung einer reformierten Kirche im Königreich Hannover aus den 113 Gemeinden des Landes. Jedoch sowohl die hannoversche als auch, nach 1866, die preußische Regierung verzögerte die Sache. Erst als auf Hesses Antrag der Coetus 1880 beschloß, ihn und P.Pannenborg Vietor zum Kultusminister von Putikamer nach Berlin zu senden, gelang das Vorhaben, und auf einer außerordentlichen Synode Ende 1881 fand der Zusammenschluß statt.

Hesses Vater war in den 1830er Jahren Mitbegründer und bis 1848 Präsident des Ostfriesischen Enthaltsamkeitsvereins und 1838 ‑ 58 Vizepräsident bzw. Präsident der Evangelischen Ostfriesischen Missionsgesellschaft. Hesses reformiert‑kirchliches Engagement und die Grundlagen seiner konservativen Theologie bekunden deutlich das väterliche Erbe.

1853 wurde H.A. Hesse nach Emden berufen, wo er bis zur Pensio­nierung 1894 Dienst tat. Als sein zweites Lebenswerk betrachtete Hesse es, "in Emden und Ostfriesland die Diakonissensache angeregt und eingeführt" zu haben 1836 hatte Theodor Fliedner in Kaisers­werth das erste Diakonissenmutterhaus gegründet und Diakonissen als Gemeindeschwestern zur Krankenpflege in die Elendsviertel entsandt.

Während in Emden jährlich junge Frauen Geld für Kaiserswerth sammelten, wurde man auch auf die Notlage der unbemittelten Kranken in der eigenen Stadt aufmerksam. Hesses Frau Meta rief 1860 mehrere Freundinnen zusammen zu einem Diakonissenverein, der sich am 1. Februar 1861 als "Frauenverein für christliche Armen‑ und Kranken­pflege in Emden" konstituierte. Bemerkenswert ist, daß die Statuten tatsächlich nur auf "Frauen und Jungfrauen" abstellten, und in §4 heißt es entsprechend: "Der Verein wird von zwei Vorsteherinnen geleitet, (allerdings:) denen ein Vorsteher zur Seite steht." Dieser Mann war als Schriftführer Pastor H.A. Hesse.

Zwei der rührigsten Damen waren die Frau des Pastors Mallot und die des Oberamtmanns Schlüter, die einige Jahre später nach ihrem Fortzug von Emden zu Ehrenmitgliedern ernannt wurden. Frau Mallot gründete dann in Bremen einen gleichartigen Verein.

Ein Jahr später erfolgte die Umstellung auf den bis heute gülti­gen Namen, "lediglich, um Verwechslungen vorzubeugen." Unklar ist, woran Anstoß genommen wurde ‑ war es die Benennung als Frauenverein, oder fürchtete etwa die etablierte Diakonie einen Eingriff in ihr Gebiet ("Armenpflege" fiel auch aus dem Namen heraus)?

Die Arbeit des Vereins begann mit persönlichen Besuchen der Mitglieder bei den Armen und Kranken. Im Oktober 1861 konnte die aus Greetsiel stammende Witwe Jantje Ehmen zur halbjährigen Aus­bildung nach Kaiserswerth entsandt werden; sie wurde ab Ostern 1862 die erste Diakonisse des Vereins. Der zweite Jahresbericht weist aus, daß sie schon im Sommer 'mit den Kranken des kleinen Hand­werker‑ und Arbeiterstandes vollauf" ausgelastet war, so daß Pflege­begehren von "Bürgern abgewiesen werden mußten. Das Statut stellt ausdrücklich ab auf die ordentlichen, die "verschämten Armen," "doch sind in Krankheitsfällen auch sittlich versunkenere nicht ausgeschlossen." Erst ein späterer Paragraph sagt: "Bei vorhandener Zeit und Kraft können Diakonissen gegen Vergütung andern Bürgern zur Krankenpflege überlassen werden." So arbeiteten die Schwestern unentgeltlich bei den Armen, von Bessergestellten wurde eine Ver­gütung erwartet, evtl. angemahnt.

Im Sommer 1866 wurde in Emden nur ein Notdienst aufrecht erhalten da beide Schwestern nach Hannover geschickt wurden, um nach der Schlacht von Langensalza verwundete Soldaten zu pflegen. Ebenso wurden 1870 drei Schwestern nach Frankreich entsandt. Nach der Schlacht von Mars‑la‑Tour konnte eine große Anzahl verwundeter Ostfriesen in Emden gepflegt werden.

1867 kaufte der Verein für die Diakonissen ein eigenes Haus, Lookvenne 11. Im Frühjahr wurde eine Schwester für die Pflege der weiblichen Patienten des neuen städtischen Krankenhauses abgestellt. Von den 45 Patientinnen des Jahres waren allein 18 Prostituierte; fünf von ihnen verhalf Schwester Hauke durch ihre intensive Betreuung zum Ausstieg aus dem "Gewerbe." Im folgenden Jahr wurde einer weiteren Schwester die Pflege der Männer im Krankenhaus übertragen. Zusammen mit einer Hauswirtschaftskraft stellten die beiden das gesamte Personal des Hauses dar

Weitere Schwestern wurden auf Kosten des Vereins in Kaiserswerth ausgebildet. Einige von ihnen waren mehrere Jahre in Weener und Bunde eingesetzt, auch in Leer arbeitete zeitweise eine Emder Diakonisse und legte den Grundstein für eine dort eigenständige Arbeit. Bei dieser starken Ausweitung geriet der Verein kurzfristig in eine erste Krise, als die 1 Vorsitzende Dienchen Metier mit einigen anderen Frauen austrat. Henriette Criegee rückte aber auf und Christiane Frerichs wurde 2.Vorsteherin.

"Nervenfieber" ‑ in der Regel ist damit wohl Typhus gemeint ‑erforderte häufig die Pflege der Schwestern, die selbst oft er­krankten oder sich in der Versorgung der Verwundeten überarbeiteten So starben 1869/70 gleich drei Diakonissen. Der Emder Kirchenrat schenkte dem Verein sechs Gräber an der Großen Kirche, später noch einmal sechs.

Als dringendes Bedürfnis erkannten die Schwestern von Anfang an ein "angemessenes Mittagessen" für die unbemittelten Betreuten. Jahrzehntelang stellten Emder Familien den Schwestern Portionen Mittagessen, aber auch Wein, Kleidung, Möbel oder Geld für die bedürftigen Kranken zur Verfügung. 

Ab 1872 entwickelte der Verein den Plan, in Emden ein Diakonissen- Mutterhaus, evtl. mit angeschlossenem Krankenhaus, zu gründen. Zwei Jahre später schien der Plan gereift; eine Kollekte in Emden erbrachte ca. 18.000 Reichsmark und ein Grundstück wurde für 10.500 RM gekauft. Der ‑ wohl zu niedrig angesetzte ‑ Voranschlag für den Hausbau betrug 75 000 RM. Jedoch im folgenden Jahr starb das Projekt und riß den Verein in eine sechsjährige Totenstarre, in der die ganze Arbeit suspendiert war. Mehrere Gründe werden genannt .

Eine gesamtostfriesische Kollekte wurde nicht genehmigt, andererseits gab der Provinzialfonds nichts wegen der Beschränkung auf Ostfriesland. Auch die Landschaft, die den Verein jahrzehnte­lang mit namhaften Beiträgen laufend unterstützte, stellte kein Geld in Aussicht. Dazu gab es Unstimmigkeit unter den Schwestern, auch kollidierten die Vorstellungen der leitenden Schwester mit denen des Vorstandes. Bis auf eine wahnhaft erkrankte kündigten alle fünf Diakonissen des Vereins.

"Wir sind buchstäblich auf Null reduziert," schrieb Pastor Hesse, gab die gezeichneten Gelder zurück und machte den Grund­stückskauf rückgängig. Dafür wurde er u.a. von der Ostfriesischen Zeitung angegriffen, zu deren freisinniger Ideologie ein solch kirchlich gerichteter Verein auch kaum paßte. "Jedenfalls hätte er sich mit dem hier bestehenden Nut van't Algemeen, das die sozialen Aufgaben unserer Stadt in so wackerer Weise pflegt, in Verbindung setzen sollen... Und weiter schreibt das Blatt fast drohend: "Sollte diese Anregung unbeachtet bleiben, so werden wir auf die Sache zurückkommen müssen und wir werden dies müssen, da 3/4 aller hier angestellten Prediger dem Nut beharrlich fernbleiben."

Nicht nur die Konkurrenz der im Geist der Aufklärung winkenden Nut, sondern auch die fehlende Zusammenarbeit der evangelischen Konfessionen am Ort ‑ die Lutheraner schufen wenige Jahre später ihre eigene Schwesternstation ‑ war offenbar dem Projekt abträglich.

Erst 1881 reorganisierte sich der sehr geschrumpfte Verein. Nunmehr waren seine sieben Mitglieder lauter Herren, darunter die drei Pastoren Hesse, Middendorff und Zillessen, die den Vorstand bildeten. Hesse blieb bis zu seinem Tode 1904 Vorsitzender. Zehn Jahre später waren von 9 Mitgliedern drei Pastoren und vier Älteste (davon waren drei auch Diakone) der Reformierten Gemeinde, je ein weiterer ein Diakon und ein ehemaliger Ältester. (Übrigens sieht die heutige Mitgliedschaft nicht viel anders aus.) 120 ‑ 130 "Freunde" unterstützten den Verein mit jährlichen Beiträgen. 1900 wurde der Verein beim Amtsgericht eingetragen und im folgenden Jahr als milde Stiftung anerkannt.

Entscheidend für die Zukunft war, daß mit der 1868 gegründeten Evangelischen Diakonissenanstalt Bremen ein Gestellungsvertrag abgeschlossen werden konnte. Bremen entsandte nun kontinuierlich zwei Diakonissen nach Emden. Diese pflegten jährlich knapp 100 bis über 200 Kranke; dabei wurden bis über 4.500 Hausbesuche gezählt sowie 30 ‑ 90 Nachtwachen und monatlich 1 ‑ 2 Hilfen bei Operationen im Krankenhaus. Die starken Schwankungen sind durch die immer wieder auftretenden Epidemien (Typhus, Blattern, Masern, Scharlach) bei zwischenliegenden "gesunden" Jahren zu erklären.

Neben der Krankenpflege betrieben die Diakonissen auch Armenpflege besonders bei den heranwachsenden Mädchen. 1862 begannen sie mit einer wöchentlichen Näh‑ und Strickschule für arme schulentlassene Mädchen (zumeist spätere Diensttoten), deren Zahl ab 1899 von rund 60 auf über 150 in 1904 anstieg. Rund 50 Mädchen trafen sich zum vierzehntäglichen Sonntagskreis im Schwesternhaus. In vielen Einzel­fällen versuchten die Schwestern, "zur Verstopfung der Quellen der Armuth mitzuhelfen".

Der Finanzierung der Schwesternarbeit dienten im ersten Jahrzehnt eine jährliche Kollekte, Orgelkonzerte, Zuschüsse der Ostfriesischen Landschaft (100 Gulden), des Emder Kornvorrats und der (Ex)königin Marie sowie Pflegegelder. Von den ca. 2.000 RM Einnahmen in 1898 waren 688.‑ Beiträge und Gaben, 400,‑ Zuschüsse der Landschaft, 50,‑ des Kornvorrats und 300,‑ der Stadt Emden, dazu kamen Zinsen und die Pflegegelder Vermögender Sie zu ihrem Tode 1902 zahlte die "Generalin" von Frese, Loppersum, jährlich einen Beitrag von 50 RM und vermachte dem Verein testamentarisch einen Betrag von 500 RM. So konnte bis 1905 auch ein nennenswerter Reservefonds angespart werden Dankbar werden die Freifahrscheine der elektrischen Straßenbahn nach Transvaal erwähnt.

1903 wurde dem Verein über Pastor Voget eine Staatsanleihe über 500 RM zugewendet, "aus Dank und Freude der erste Baustein zur Errichtung eines Siechenhauses für Männer und Frauen." Für ein solches Heim hatte Pastor Hesse noch in seinem hohen Alter gewirkt; nun aber starb er, gerade als die Baupläne konkret wurden, am 27.Mai 1904. Sein Nachfolger als Vorsitzender wurde P.Middendorff.

Unter dessen Leitung wurde nun 1905/o6 das Alten‑ und Siechen­heim Bethanien gebaut, für das die Stadt das Grundstück am Philo­sophenweg kostenlos überließ. Das Haus in der Lookvenne wurde ver­kauft, der Reservefonds aufgelöst, Zuschüsse und Gaben wurden ge­sammelt. Vom Emder Kornvorrat kamen 1.500 RM, von Privaten mehr­fach 5.000, auch 2, 500, 2,000, 300 und 200 RM sowie viele kleinere Beiträge Pastor Hesses Erben stifteten in seinem Geiste 1.500 RM. Am 2.April 1906 konnten die beiden Gemeindeschwestern und die zwei das Heim betreuenden Bremer Diakonissen einziehen, eine Woche später die ersten Bewohner, und am 16.Mai fand die feierliche Eröffnung statt. Vielen älteren Menschen hat dieses christliche Heim bis zu seinem Zusammenschluß mit dem Douwesstift im Jahre 1996 ein behüte­tes Zuhause und liebevolle Pflege bis zu ihrer letzten Stunde geboten.